Grundlagen zum Konzept handlungsorientierten Sachunterrichts

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Hauptstudiumsseminar - auch Vorbereitung der Klausuren

D0 10-12 A 01 0 010

In dieser Veranstaltung sollen verschiedene Konzepte zum Sachunterricht vorgestellt werden wie Arbeitsunterricht oder Projektunterricht und vor allem auf verschiedene lerntheoretische Grundlegungen hin analysiert werden.

In der zweiten Phase des Seminars sollen konzeptionelle Grundlagen auf Praxisthemen des Sachunterrichts transferiert werden. Dazu werden in der Lernwerkstatt Materialien erstellt.

Grundlegende Lektüre:

Hempel, Marlies: Lernwege der Kinder. Baltmannsweiler 2002 (2.)

Fotos vom Seminar:
http://astrid-kaiser.de/gallery/view_album.php?set_albumName=seminar

 

Handlungserfahrungen des Seminars


Bremswege und Beschleunigung beim Fahrrad gemessen
Verkehrsprüfung Slalom
Bauernhof besucht
Froscheier aus dem Teich geholt
Kuhaugen untersucht
Vogelhaus gebaut
Bumerang gemacht
Obstsalat hergestellt
Brot gebacken
Mehlwürmer gezüchtet
Hydranten abgelesen
Musikraum gestaltet
Gemüsesuppe gekocht
Häuser als Modelle zum Mittelalter
Beet angelegt

Handlungsorientierung – erste Überlegungen


1)    Sammeln mit den Kindern an einem Lernort
2)    Sortieren der Materialien nach verschiedenen von den Kindern entwickelten Kriterien
a.    Nach räumlicher Zuordnung (welche Autoteile gehören wohin im Auto)
b.    Nach Materialien
c.    Nach Farbe
d.    Rangfolge der Wichtigkeit
e.    Weitere Möglichkeiten: nach Größe
f.    Nach Gewicht
g.    Nach Formen
h.    Nach Bekanntheitsgrad

Funktionen:
•    Systematisierendes Denken
•    Kommunikativer Austausch
•    Zuhören lernen
•    Andere Perspektiven akzeptieren lernen
•    Kontexte verstehen
•    Kompromisse finden
•    Mengenlehre Grundqualifikationen im sinnvollen Kontext erwerben


3)    Analyse der Handlungsmaterialien zum Thema Angst – mögliche Handlungsformen
•    Kommunikatives Handeln im Rollenspiel am Beispiel Sorgentelefon
•    Ordnend-sortierendes Handeln am Beispiel Aufstellen einer Altersreihe anhand von Menschenbildern
•    Mimisch-gestisches Handeln am Beispiel des Mimik-Würfels
•    Szenisches Handeln am Beispiel des Gespensverkleidens
•    Taktiles Handeln am Beispiel der Spinnentiere
•    Bildlich-gestaltendes Handeln am Beispiel des veränderten Zeichnens der eigenen „Angsttiere“
•    Gesprächshandeln am Beispiel der Schlüssel-Impulse für eigene Angst vor anderen


Konzept Kerschensteiner

Georg Kerschensteiner (1854 – 1932), Erfahrungen als Volksschul- und Gymnasiallehrer,
Seine Grundüberlegungen zur Arbeitsschule fußten auf der Begriffstrias Selbsttätigkeit – Sittlichkeit – Sachlichkeit, also eigenständiger Arbeit und Selbstkontrolle auf moralischer Grundlage und intensives Bemühen um das richtige Verstehen und Umgehen mit der Sache an sich.
Anfänglich Arbeit, in erster Linie ein manuelles, handwerkliches Tätigsein.
„Was die neue Arbeitsschule braucht, ist ein reiches Feld für manuelle Arbeit, das nach Maßgabe der Befähigung des Schülers auch zum geistigen Arbeitsfeld werden kann. In der manuellen Arbeit liegt zunächst das fruchtbare Feld der Entwicklung für die weitaus größere Zahl aller Menschen“ (Kerschensteiner 1912, S.110).
Schulküchenunterricht für Mädchen und einen Werkstättenunterricht in Schreinereien und Schlossereien für Knaben ein.
Ebenfalls starken Werkstattcharakter hatte der naturwissenschaftliche, Physik und Chemie betonende Unterricht in eigenen Schullabors und in freiwilligen Arbeitsgemeinschaften (vgl. Böhm 2000, S. 287).
 Werkstätten und Arbeitsräume in den neuen Schulen werden nicht deshalb gebraucht, „damit die Kinder gut hobeln, sägen, feilen, bohren, nähen, weben, kochen lernen, nicht damit sie die Arbeit ihrer Hände lieb behalten, nein, wir brauchen sie vor allem, um Menschen zu erziehen, die den Zweck und  Segen das Staatsverbandes an der Wurzel erfassen lernen und ihm in Dankbarkeit ihre Dienste widmen“ (Kerschensteiner 1912, S.111).
 „Nur jene Arbeit dürfen wir als pädagogisch wertvoll bezeichnen, die sich in den Dienst eines unbedingt geltenden Wertes stellt, der unsere Seelen erfüllt. (...) Ein Staatswesen, das in seinen Zielen und Einrichtungen den sittlichen Gedanken verkörpert, ist ein höchstes äußeres Gut.“ (Kerschensteiner in Reble 1993, S.524)
Übergeordneten Ziel einer Erziehung zum verantwortungsvoll handelnden Staatsbürger
 „Jeder erwachsenen Staatsbürger, Mann oder Frau, Herr oder Knecht, hat drei Hauptaufgaben zu erfüllen: er ist erstens Arbeiter in einem bestimmten Beruf – er soll es sein -, der ihm seinen festen Platz im gesamten Arbeitsorganismus des Staates anweist. Er ist zweitens stimmberechtigter Bürger eines wohlorganisierten Volkskörpers, zu dessen Wohlfahrt er beitragen muss genau ebenso, wie dieser Volkskörper durch seine Organisation kraft der gemeinsamen Arbeit aller auch seine Wohlfahrt, seinen Schutz und seine Pflege übernommen hat. Er ist drittens ein Mensch, der über der Erfüllung der beiden ersten Aufgaben nie vergessen darf, dass auch in der Kultur seines eigenen Seelenlebens ihm ein ungemein reiches Arbeitsfeld gegeben ist“ (Kerschensteiner 1912 a, S.161).
Die Grundgedanken der Eigentätigkeit, der lebenspraktischen Relevanz, der Charakterbildung und der Selbstständigkeit
 Unterrichtsbeispiel des Starenkastens .„Ein Lehrling soll aus eine Brett von gegebener Länge und Breite mit geringstem Holzabfall ein möglichst geräumiges Starenhaus herstellen, dessen Dachplatte zur Bodenplatte im Verhältnis 1 : 2 geneigt ist und etwa 8 Zentimeter über die Vorderseite des Hauses hinausragt. Die Arbeit soll selbstverständlich unter geringstem Aufwand an Zeit und Arbeit durchgeführt werden. (Aufgaben dieser Art gibt es bei den gegenwärtigen Materialpreisen (...) in Überfülle. Ihre gewissenhafte Durchführung macht derartige Aufgaben in hervorragendem Sinne zu pädagogischen Aufgaben. Denn in  der ökonomischen Forderung liegt schon von vorneherein ein sittliches Moment.) Das Brett ist 160 cm lang und 20 Zentimeter breit. Der Lehrling überlegt“ (Kerschensteiner 1912 b, S.49).
dass es nicht um mechanisches Hantieren und geschicktes und gekonntes Ausführen eines vorgegeben Bauplanes geht, sondern um tatsächliche Handlungen in der vollen Bedeutung des Wortes. Handlungen lassen sich durch die Zuschreibung von subjektivem Sinn, durch Zielgerichtetheit, innengesteuerter Planung und Bewusstsein, auch durch das Abwägen von Handlungsalternativen von bloßem handgreiflichem Tun abgrenzen (vgl. Popp 1998, S. 74).


Definition von Handlung:



-Tätigkeit mit hohem Grad der Bewußtheit über Ziele, Gründe, Zwecke und Mittel


- Unterschied zwischen praktischem Handeln und Sprech -
handlungen


-  Mensch ist fähig, praktisches Handeln in der Sprache abzubilden und im Medium der Sprache zu operieren


-  in der Sprechhandlung treten damit die gleichen Beziehungen auf, die in der wirklichen Handlung vorkommen


-   Handeln ist mehr als Tun oder Anwenden von Verfahren


-  Handeln ist bedingt und bestimmt durch:

-  Zwecke

-   konstruktive oder gestalterische Absichten

-  den Willen, den Ansprüchen einer Person oder einer Sache gerecht zu werden

- das Ziel, Einblick in Sachverhalte und Beziehungen zu gewinnen

-  die Absicht, Einsichten zu gewinnen, Probleme zu lösen oder Verantwortung zu übernehmen

(aus: Lexikon Sachunterricht, Hrsg. Astrid Kaiser)



Funktionen / Merkmale handlungsorientierten Unterrichts


-  Spielerisches Üben

-  Informationsvermittlung
-  Kreativitätsförderung

-  Veranschaulichung
-  Kooperatives Lernen

-  Selbständiges Lernen

-  Entdeckendes Lernen

-  Forschendes Lernen

-  Subjektive Bedeutungen erschließen

-  Ganzheitliche Beteiligung mit allen Sinnen

-  Mehrperspektivisches Lernen

-  Veränderndes Handeln im Schulleben
-  Veränderndes Handeln im Schulumfeld

-  Veränderndes Handeln im Ort / in der Region

-  Konkret-praktisches Tun
-  Mitverantwortung und Kooperation der Lernenden

-  Bewusst geleistete Selbstkontrolle und Selbstkorrektur



Einführung in die Didaktik des Sachunterrichts, A. Kaiser
Praxisbuch Handelnder Sachunterricht, Band 1, A. Kaiser

 

Lernen im handlungsorientierten Unterricht


Sage es mir, und ich werde es vergessen.
Zeige es mir, und ich werde mich erinnern,
Beteilige mich, und ich werde es verstehen.
(Lao Tse)
                             

         
            Lernwege der Kinder:
•    Methodisches Lernen im Sammeln und Ordnen
•    Lernen durch Staunen und Fragen
•    Lernen durch Entdecken
•    Lernen durch Erkunden
•    Lernen durch Experimentieren
•    Lernen durch Wahrnehmen
•    Lernen durch Beobachten
•    Lernen durch Gespräche führen
•    Lernen durch Kooperieren
•    Lernen durch Planen
•    Lernen durch Dokumentieren und Präsentieren
•    Lernen durch Lernen des Lernens
•   
Literatur: Marlies Hempel, Lernwege der Kinder, Baltmannsweiler 1999

Blume: Quelle: Kaiser, Astrid: Praxisbuch handelnder Sachunterricht Band 1. Baltmannsweiler 2003 (9)

Von ausschließlich kognitiven Lernzielen Abschied nehmen:

1.    Versuche, die Lernaufgabe in eine bildliche Aufgabe zu transformieren.
2.    Versuche, die Lernaufgabe in eine Bewegungsaufgabe zu transformieren.
3.    Versuche, die Lernaufgabe in eine musikalische Aufgabe zu transformieren.
4.    Versuche, die Lernaufgabe in eine schauspielerische Aufgabe zu transformieren.

Literatur: Astrid Kaiser, Anders Lehren Lernen, Baltmannsweiler 1999

Vielfältige Merkmale handlungsorientierten Unterrichts:

•    Mitverantwortung und Kooperation der Lernenden
•    konkret-praktisches Tun
•    ganzheitliche Beteiligung mit allen Sinnen
•    bewusst geleistete Selbstkontrolle und Selbstkorrektur
•    das Ordnen, Vergleichen, Kontrastieren, Strukturieren, Auf-den-Begriff-bringen, Generalisieren und die kritische Reflexion und Einordnung in übergreifende Zusammenhänge und Strukturen
•    die Erfahrung eigener Ausdauer und Kompetenz, individueller Vorlieben und Schwächen
•    kommunikativer und regionaler handlungsorientierter Sachunterricht
Literatur: Astrid Kaiser, Einführung in die Didaktik des Sachunterrichts, Baltmannsweiler 2001


 

Célestin Freinet 1896-1966


Lit: Elise Freinet: Erziehen ohne Zwang
Der Weg Cölestin Freinets. DTV/Klett-Cotta 1985, München



Freinet-Pädagogik
...den Kindern  das Wort geben
Eine Klasse, die im Sinne Freinets organisiert ist und arbeitet, ... ist ein "Laboratorium der Sozialerziehung".


„Eine Schule, die diese Ziele und Arbeitstechniken verfolgt, nimmt die Erziehung zur Verantwortung und zu demokratischem Verhalten ernst. Sie ... läßt weitgehenden Spielraum für die Kreativität des Schülers. ... Sie ist kindgemäß, lebensnah und gibt ihren Schülern die Chance, sich zu selbständigen, ihrer Möglichkeiten und Grenzen bewußten kritischen Menschen zu bilden."
Elise Freinet


Kurzbiographie
1896    als fünftes von acht Kindern einer Bauernfamilie, Dorf
1913 Lehrerseminar
1915 Kriegsdienst, schwere Lungenverletzung. Seine Kriegserfahrungen machen ihn zeitlebens zum überzeugten Pazifisten.
1920 Trotz der Verletzungsfolgen, erste Lehrerstelle in der winzigen, armselig ausgestatteten Dorfschule von Bar-sur-Loup
1923 Druckpresse, freie Texte ohne vorgegebenes Thema, Klassenzeitungen
1924
"Kooperative", französische Lehrerbewegung der "École Moderne".
1926
Immer mehr französische Schulklassen treten in Korrespondenz und tauschen Texte, Klassenzeitungen und Arbeitsergebnisse aus. Heirat Elise, arbeitet aktiv in der Gewerkschaft und wird Mitglied der Französischen Kommunistischen Partei
1927
erste Kongreß der "École Moderne", die "Kooperative" vertreibt Druckereien, Arbeitskarteien, "Nachschlagekisten" und Lesehefte - Arbeitsmittel, die nun endgültig die Schulbücher verdrängen und selbstorganisierte "Freie Arbeit" ermöglichen.
1928
wechseln Freinet und seine Frau nach St. Paul de Vence an eine Schule, an der beide unterrichten können.
1932
berichten Schüler Freinets in einem freien Text über ein kirchliches Fest, bei dem auch der Pfarrer betrunken war. Daraufhin bricht ein offener Schulkampf aus, Entlassung Freinets aus dem Schuldienst endet.
1935
privates Landerziehungsheim in Vence. Mit dem Sieg der französischen Volksfront: Aufschwung für Freinet-Bewegung, Ende durch die faschistischen Regierungen und 2. Weltkrieg .
1940
 Internierungslager, grundlegende pädagogische Arbeiten, "Résistance" mit. Gleich nach Kriegsende: Kongress, Privatschule eröffnet
Verlasst die Übungsräume
Seien wir ehrlich: wenn man es den Pädagogen überlassen würde, den Kindern das Fahrrad fahren beizubringen, gäbe es nicht viele Radfahrer.
Bevor man auf ein Fahrrad steigt, muss man es doch kennen, das ist doch grundlegend, man muss die Teile, aus denen es zusammengesetzt ist, einzeln, von oben bis unten, betrachten und mit Erfolg viele Versuche mit den mechanischen Grundlagen der Übersetzung und mit dem Gleichgewicht absolviert haben.
Am Anfang jeder Eroberung steht nicht das abstrakte Wissen - das kommt normalerweise in dem Maße, wie es im Leben gebraucht wird - sondern die Erfahrung, die Übung und die Arbeit.
Verlasst die Übungsräume: steigt auf die Fahrräder!
Schulbücher sind ein Instrument der Verdummung. Manche vergrößern sogar noch die Stofffülle dieser Lehrpläne.
Schulbücher dienen also de facto in erster Linie der Unterwerfung des Kindes
Nicht für alle das Gleiche zur gleichen Zeit
Diese echten Aufgaben hat die Schule bis heute eigensinnig ausgeklammert und ersetzt durch Karikaturen von Aufgaben, mit scheinbar leichten, dafür aber leblosen, aus dem Zusammenhang gerissenen, von Saft und Leben beraubten Lösungen.
Wir dagegen nehmen die Lösungen echter Aufgaben in Angriff.

Uns stellt sich das Disziplinproblem so: das Kind, das an einer Aktivität teilhat, die es fesselt, "diszipliniert" sich automatisch selbst. Was uns zu tun bleibt: wir müssen unseren Schülern jede Sinnvolle Aktivität erlauben, die ihren persönlichen Interessen entgegen kommt
Moderne Aufzucht oder Konzentrationslager
"Sehen Sie," erklärte uns der Eigentümer der modernen Hühnerfarm, "hier ist für alles vorgesorgt, alles ist hier methodisch und wissenschaftlich.
Unsere Zuchtfarm ist ja eigentlich ein bisschen wie eine Schule. Sie ist aufgeteilt in Klassen: Diese zerzausten Küken hier, die frisch aus dem Ei im Brutkasten geschlüpft kommen, sind in diesem ersten geheizten und überheizten Raum.

Schuldruckzentren Saarbrücken, Ludwigsburg, Wiesbaden

Lernwerkstatt: Uni Kassel, Berlin TU, Berlin HU, Berlin-Wilmersdorf, Bielefeld, Bremen, Burgebach, Dortmund, Essen, Hamburg, Leipzig, Köln, 88471 Laupheim, Mannheim 76865 Rohrbach, Tübingen, Wuppertal



Maria Montessori

(1870 - 1952)
Ein Leben für die Kinder!
Hilf mir, es selbst zu tun!

Maria Montessori aus großbürgerlicher Familie
als erste Frau Doktortitel (1892-1896) der Medizin.
 Kinderhäuser im römischen Proletarierviertel San Lorenzo, gab ihre zuvor gegründete Arztpraxis auf.
ab 1916 in Barcelona
reiste sie viel durch die Welt, ließ sich dann jedoch in den Niederlanden nieder, engagierte sich zunehmend für den Frieden
Reise nach Indien mit Sohn, Internierung aufgrund des 2. Weltkrieges
kehrt erst nach dem Ende des Krieges 1946 nach Europa zurück.
1952 starb sie in Nordwiik aan Zee in Holland.


Prinzipien der Montessori-Pädagogik sind:
•    das Kind in seiner Persönlichkeit achten, es als ganzen, vollwertigen Menschen sehen
•    seinen Willen entwickeln helfen, indem man ihm Raum für freie Entscheidungen gibt; ihm helfen, selbständig zu denken und zu handeln
•    ihm Gelegenheit bieten, dem eigenen Lernbedürfnis zu folgen, denn Kinder wollen nicht nur irgendetwas lernen, sondern zu einer bestimmten Zeit etwas ganz Bestimmtes (sensible Phasen)
•    ihm helfen, Schwierigkeiten zu überwinden statt ihnen auszuweichen
Freiarbeit
... ist das Kernstück der reformpädagogischen Bildung Montessoris. Die Kinder wählen nach eigener Entscheidung, womit sie sich beschäftigen.
Vorbereitete Umgebung mit Materialien

Das Material wird im Zusammenhang mit in der Natur vorkommenden Blättern dargeboten. Die Kinder lernen visuell zu abstrahieren und die Blattformen zu erkennen.

 
Rahmen mit Verschlüssen
In einer Bewegungsanalyse lernt das Kind die genauen Schritte zum öffnen und Schließen von Verschlüssen.
Nach der Analyse der Handlungsabläufe werden die Bewegungen so koordiniert, dass überflüssige Bewegungen vermieden werden. 


 


Die Polarisation der Aufmerksamkeit

Zu Anfang beobachtete ich die Kleine, ohne sie zu stören, und begann zu zühlen, wie oft sie die Übung wiederholte, aber dann als ich sah, dass sie sehr lange damit fortfuhr, nahm ich das Stühlchen, auf dem sie saß, und stellte Stühlchen und Mädchen auf den Tisch; die Kleine sammelte schnell ihr Steckspiel auf, stellte den Holzblock auf die Armlehnen des kleinen Sessels, legte sich die Zylinder in den Schoß und fuhr mit ihrer Arbeit fort. Da forderte ich alle Kinder auf zu singen; sie sangen, aber das Mädchen fuhr unbeirrt fort, seine Übung zu wiederholen, auch nachdem das kurze Lied beendet war. Ich hatte 44 Übungen gezählt; und als es endlich aufhörte, tat es dies unabhängig von den Anreizen der Umgebung, die es hätten stören können; und das Mädchen schaute zufrieden um sich, als erwachte es aus einem erholsamen Schlaf."
(Montessori, Maria, Schule des Kindes, Freiburg 1976, S. 70.) 

Maria Montessori wird am 31. August 1870 in Chiaravalle bei Ancona geboren. Als behütetes Einzelkind wächst sie in einem liberal-religiösen Elternhaus auf. Ihr Vater, Alessandro Montessori, und ihre Mutter, Renide Stoppani, zählen zur politischen Elite Italiens. 1875 besucht Maria die öffentliche Volksschule und wechselt später auf eine technisch, naturwissenschaftliche Schule. Früh zeigt Maria einen für ein junges Mädchen in der damaligen Zeit revolutionären Geist. Maria möchte Medizin studieren, wird jedoch an der Universität abgewiesen. Gegen den Willen der Eltern studiert sie zunächst Ingenieurwesen und Mathematik. Nach Ablegen der Prüfungen erlangt sie die Berechtigung zur Aufnahme eines Medizinstudiums. In die Domäne der Männer einzudringen, scheint nicht nur unerhört, sondern geradezu unmöglich. Wie es ihr gelingt, ihre Einschreibung dennoch durchzusetzen und 1892 als erste Frau Italiens mit dem Studium der Medizin zu beginnen, ist nicht überliefert. Jedoch ist die Zeit ihres Studiums geprägt von großen Schwierigkeiten. Die Professoren versuchen die junge Frau zu übersehen, die Mitstudenten reagieren ablehnend, sogar boshaft. Um im Anatomiesaal arbeiten zu können, muss sie sich nachts darin einschließen lassen, weil ihr die Arbeit zusammen mit den Studenten nicht erlaubt wird. 1896 hat Maria Montessori ihr Ziel erreicht und schliesst ihr Studium mit der Promotion ab. Sie ist die erste "Dottoressa" Italiens.

In den letzten beiden Jahren ihres Studiums arbeitet sie bereits als Assistentin an einer psychiatrischen Klinik. 1896 bis 1898 folgt eine Anstellung als Assistenzärztin in der römischen Universitätskinderklinik, Abteilung Kinderpsychiatrie. Im Umgang mit den geistig behinderten, kleinen Patienten erkennt sie den Tätigkeitsdrang und Eigenantrieb, der allen Kindern zu Grunde liegt. Sie ist der Überzeugung: "Das Problem dieser Kinder ist in erster Linie ein pädagogisches, nicht ein medizinisches". Sie stößt auf die Werke von J.G.Itard und E.Seguin, die beide davon überzeugt waren, behinderte Kinder durch besondere Förderung anregen zu müssen. Unter Einbringung dieser Sinnesmaterialien, in Kombination mit medizinischen Erkenntnissen, entwickelt sie eine pädagogische Methode, mit der sie in ihrer Arbeit als Dozentin an der Lehrerbildungsanstalt und Direktorin eines heilpädagogischen Instituts in Rom (1898 - 1900) beachtliche Erfolge erzielt. Ihre Zöglinge leisten oft bereits nach zwei Jahren genauso viel wie gesunde Kinder und können die Regelschule besuchen. Maria Montessori beginnt sich zu fragen, was am "normalen" Schulsystem so falsch sein könne, dass geistig gesunde Kinder derartig schwache Leistungen erbringen.

Maria Montessori geht eine Beziehung mit dem angesehenen Arztkollegen Dr. Giuseppe Montesano ein und wird schwanger. Ihr einziges Kind, Sohn Mario, wird im März 1898 geboren. Da ein uneheliches Kind das Ende ihrer Karriere bedeuten würde, hält sie die Geburt geheim und gibt ihren Sohn außerhalb Roms in Pflege. Sie verlässt das Institut und studiert Anthropologie und Psychologie. 1904 wird sie zur Professorin für Anthropologie an der Universität Rom ernannt.

Maria Montessori folgert aus ihren Erkenntnissen heraus, dass mit Hilfe ihrer Unterrichtsmethode alle Kinder ungleich besser gefördert werden könnten, als es bisher der Fall war. Durch die Beobachtung eines vierjährigen Mädchens, das eine Übung mit Einsatzzylindern über 40mal wiederholt, entdeckt sie das Phänomen der "Polarisation der Aufmerksamkeit".

1907 wird sie von der italienischen Regierung damit beauftragt, das erste Kinderhaus in San Lorenzo (Casa dei Bambini), einem Vorort von Rom, zu "beaufsichtigen" und die Hygiene zu kontrollieren. Das Kinderhaus war in einem Elendsviertel angesiedelt. Maria Montessori macht sich bei ihrer Arbeit die Erfahrung zunutze, die sie vorher mit behinderten Kindern gemacht hat und verwendet für ihre Arbeit mit den Kindern das Material, das sie aus der Experimentalpsychologie kennt und weiterentwickelt hat, angeregt durch Impulse, die von den Kindern ausgehen. Sehr schnell spricht sich in Rom das Kinderhausmodell herum, da die Kinder nicht geahnte Fortschritte machen mit Erfolgen, die den "unterprivilegierten" Kindern vorher nicht zugetraut wurden.

In ihrer pädagogischen Auffassung orientiert sich Maria Montessori an bestimmten Prinzipien, die für die damalige Zeit geradezu revulotionär waren, und die sicherlich den Erfolg der Montessori-Pädagogik bis heute erklären. 1909 veröffentlicht sie ihr Hauptwerk "Il metodo", das sich auf drei Eckpfeiler stützt. Einer davon wird ein von Maria Montessori selbt entwickelter Satz von Bau- und einfachen Spielelementen, die die Kinder zu selbstständigem Forscherdrang animieren sollen. Den zweiten Pfeiler bilden die eingeführten "Stillezeiten" und gemeinsame Mahlzeiten der Zöglinge, die soziale Lernprozesse anregen und den Kindern vermitteln sollen, dass sie Teil einer großen Einheit sind. Dritter Grundsatz ist die eher beobachtende Distanz der Erzieher, die eine Störung des Lernprozesses durch den Einfluss der Erwachsenen verhindern soll.

Von 1913 an reist sie in viele Länder der Erde. In Europa, Amerika und Indien hält sie Vorträge. Sie verfasst ihr Buch "Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter", das die Verbreitung ihrer Erkenntnisse rasch voranbringt. Im gleichen Jahr hält sie den ersten internationalen Lehrgang in der Ausbildung von Lehrkräften in ihrer Methode. Diese setzt sich immer mehr durch und fast überall in Europa und Amerika entstehen Montessori-Schulen nach ihrem Vorbild. 1922 wird sie zum Regierungsinspektor der Schulen Italiens ernannt.

Die Entwicklung der Montessori-Pädagogik wird immer wieder durch totalitäre Regime, wie in der Sowjetunion, Italien, Spanien und Deutschland gestoppt. In der Zeit des Nationalsozialismus werden in Deutschland alle Montessori-Einrichtungen geschlossen. Wegen Behinderungen durch den Faschismus in Italien verlegt Maria Montessori ihren Wohnsitz 1934 erst nach Barcelona, 1936 wegen des spanischen Bürgerkrieges in die Niederlande, später nach Indien. Dort leitet sie in Adyar eine nach ihrer Methode der Selbsterziehung eingerichtete Schule. 1940 wird sie nach der Besetzung der Niederlande durch die Deutschen als Angehörige eines Feindstaates interniert. Nach ihrer Freilassung arbeitet sie dort und in den Nachbarländern an ihrem Lebenswerk weiter. 1947 kehrt Montessori nach Europa zurück. Bis zu ihrem Lebensende wohnt sie in Nordwijk aan Zee. Dort stirbt sie am 06. Mai 1952.

 

Tätigkeitstheorie   Die kulturhistorische Schule der sowjetischen Psychologie

Die Kulturhistorische Schule (Wygotski): Ein grundlegender Aspekt dieser Schule ist, dass sich die kognitive Entwicklung des Menschen im Wesentlichen in der aktiven Auseinandersetzung mit seiner Umwelt vollzieht. Das bedeutet für die Erforschung von individueller und kognitiver Entwicklung, dass diese nur im soziokulturellen Zusammenhang erfasst und verstanden werden kann.
 
Durch das Studium der marxistischen Klassiker sah Vygotskij, dass
•    das materielle Sein der Menschen im engen Zusammenhang mit ihrem Bewussstsein stand,
•    das Psychische als ein Prozess zu sehen ist, der verbunden ist mit der Tätigkeit der Menschen,
•    die Tätigkeit sich im Psychischen in Form von widergespiegelten Abbildern der objektiv-realen Welt niederschlägt,
•    das Bewusstsein selbst ein Produkt der Geschichte der Menschen ist.
Die kulturhistorische Schule vollzog als erste die Grundlegung einer marxistischen Psychologie. Deren Grundprinzipien sind:
•    Das Prinzip der Entwicklung;
•    Das Prinzip des Historismus des Bewusstseins;
•    Das Prinzip der psycho-physischen Einheit;
•    Das Prinzip der Einheit von Bewusstsein und Tätigkeit.
Die Tätigkeit des Menschen ist Ausgangspunkt für seine Entwicklung. Ohne die Tätigkeit gibt es nicht das Bestreben, die sich stellenden Herausforderungen anzugehen und dialektisch auf einer neuen Ebene aufzuheben. Die Tätigkeit nimmt eine Schlüsselstellung in der Vermittlung zwischen sozialer Umwelt und der je individuellen Struktur des Menschen ein.
Der Begriff der gegenständlichen, zielgerichteten Tätigkeit gehört zu den Grundbegriffen der zeitgenössischen materialistischen Psychologie
Konzeptuelle Einheiten dieser Tätigkeit sind:
•    einzelne Tätigkeiten, initiiert durch Motive,
•    Handlungen, die bewusssten Zielen untergeordnet sind,
•    Operationen, durch die eine Handlung verwirklicht wird.
Wygotsky Grundbegriffe:
1. Alle höheren mentalen Prozesse sind internalisierte soziale Funktionen.
2. Die Zone der nächstmöglichen Entwicklung