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Hausarbeit in der Schule?

CoverPfaffenweiler: Centaurus, 1992




Die didaktische Beschäftigung mit Hausarbeit kann nicht durch den Hinweis auf einen allgemeinen Konsens oder didaktische Traditionen legitimiert werden. Hausarbeit als Thema wird im allgemeinbildenden Schulwesen fast durchgängig ausgeklammert. Dies entspricht dem Tatbestand, dass Hausarbeit in vielen Aspekten gesellschaftlich unsichtbar bleibt, dass etwa ihre Wertschöpfungsleistung nicht im Bruttosozialprodukt auftaucht und sie auch konkret so organisiert wird, dass die materiellen Arbeitsleistungen den anderen Familienmitgliedern möglichst wenig auffallen. Als von Berufsarbeit deutlich abgegrenzten eigenständigen Bereich gesellschaftlichen Handelns hat es Hausarbeit zumindest seit der Industrialisierung für große Teile der Bevölkerung gegeben (vgl. S. Kontos/K. Walser 1979, S.71ff). Obgleich Hausarbeit empirisch schon lange in der gesellschaftlichen Wirklichkeit als reproduktionsbezogene Tätigkeit von Berufsarbeit unterscheidbar war, hat sich die sozialwissenschaftliche Analyse ebensowenig mit diesem Thema als Arbeit beschäftigt wie die gesellschaftliche Wahrnehmung mit der vor allem aus Motiven der Statussicherung in den Hintergrund öffentlicher Aufmerksamkeit verbannten Arbeit der bürgerlichen Haus"herrin" des 19. Jahrhunderts (vgl. S. Meyer 1984). Auch wenn Hausarbeit als gesellschaftliches Handeln in einer hochindustrialisierten Gesellschaft wie der BRD gegenwärtig einen Großteil aller Arbeit (die Schätzungen schwanken je nach verwendeten Kategorien zwischen 30 und 50 %; vgl. Kap. 2) ausmacht, findet sie weithin nur im Kontext spezifischer (Frauen-)Interessen Beachtung. Die in den letzten Jahren einsetzende wissenschaftliche Untersuchung der Hausarbeits-Problematik ist ähnlich widersprüchlich. Hausarbeit selbst ist noch ein relativ neuer sozialwissenschaftlicher Begriff; die gegenwärtige Hausarbeitsdebatte ist erst im Zuge der neueren Frauenbewegung entstanden. Das Thema Hausarbeit sollte gezielt die Aufmerksamkeit auf den weiblichen Lebenszusammenhang richten und die gesellschaftliche Bedeutung von Frauen unterstreichen. Dementsprechend haben sich die meisten frühen Schriften und Beitrüge aus dieser Debatte noch eng an Kategorien der Hauswirtschaftswissenschaft angelehnt, womit das Spektrum der Frauenproblematik nicht in ihrer Breite erfaßt werden konnte. Die wissenschaftlichen Fragestellungen bezogen sich auf den Umfang von Hausarbeit (H. Pross 1975), auf die Frage ihrer Produktivität (R. von Schweitzer 1968), auf ihren Charakter als Arbeitstätigkeit (S. Kontos/K. Walser 1979), auf die Entlohnungsproblematik (G. Bock/B. Duden 1977) und ihren Anteil bzw. ihre Relevanz in der Volkswirtschaft (C.von Werlhof 1984). Die Hausarbeitsdebatte ist jedoch nicht zu trennen von der Debatte um Möglichkeiten der gesellschaftlichen Emanzipation von Frauen, die in vielen neueren Schriften explizit betont wird (vgl. R. Burgard 1979, E. Beck-Gernsheim 1976). In den letzten Jahren ist diese Debatte um die Hausarbeit von zwei weiteren Problembereichen beeinflußt oder zumindest berührt worden. Zunächst einmal traten ökologische Belastungen immer deutlicher ins öffentliche Bewußtsein. Hinweise auf die Grenzen des Wachstums und der expansiven Naturbeherrschung und die beginnende Abkehr vom Glauben an die totale Verwissenschaftlichung der Welt kennzeichnen eine aufkeimende Umorientierung gesellschaftlicher Werte (H.J. Fietkau/H. Kessel 1984). Auch wenn die wesentlichen Bedingungen der ökologischen Krise in gesellschaftlichen Strukturproblemen gesehen werden, wird selten bestritten, dasws Veränderungen, um die drohende Zerstörung der menschlichen Umwelt noch abzuwenden, neben der notwendigen politisch-globalen Umorientierung auch im Bereich des privaten Haushalts eintreten müssen (B. Joerges 1982). Hausarbeit gewinnt in diesem Kontext einen neuen Stellenwert oder sieht sich zumindest vor weitere Anforderungen gestellt. Einige Autorinnen diskutieren die ökologischen Probleme in zugespitzter Form, indem sie betonen, Frauen seien besonders prädestiniert dafür, Lösungen für die menschheitsbedrohenden Konflikte zu finden. Sie ordnen so der Arbeit von Frauen einen besonderen moralischen Stellenwert zu (M. Daly 1981). Andere wiederum sehen in der Diskussion um überlebensnotwendige neue Werte und die Beachtung weiblicher Anteile (F. Capra 1985) lediglich eine neue Form der patriarchalen Vereinnahmung von Frauen (C. Thürmer-Rohr 1986) und lehnen eine Verknüpfung der Frauenfrage mit allgemeinen Zukunftsfragen der Menschheit ab. Eine zweite Veränderungsdimension der ohnehin bisher kaum erforschten Hausarbeit (zur näheren Präzisierung vgl. Kap. 2) ergibt sich aus einer weiteren gegenwärtigen gesellschaftlichen Krisenerscheinung, dem Widerspruch zwischen der Zahl vorhandener Erwerbsarbeitsplätze und der sehr viel größeren Zahl an Menschen, die Arbeitsplätze suchen. Eine Konzeption zur Lösung dieses Widerspruchs basiert auf dem Gedanken, die Erwerbsarbeitszeit gesamtgesellschaftlich zu verringern und gleichzeitig die Anteile an der arbeitsintensiveren Eigenarbeit zu erhöhen (J. Berger [Hg.] 1982). Es wird gefordert, mehr Menschen als bisher an der gesellschaftlichen Hausarbeit partizipieren und diese Bereiche nicht-industrieller Produktion insgesamt expandieren zu lassen. Von einer solchen Umstrukturierung der 'Arbeitsgesellschaft' wird erwartet, dass neben der Hauptfunktion, die Erwerbslosigkeitsproblematik zu lösen, auch wichtige ökologische Effekte eintreten können (vgl. H.C. Binswanger u.a. 1983 (3)). Auch wenn derartige Ansätze von einigen Frauen sehr kontrovers bewertet werden (C. v. Werlhof 1983), bleibt festzuhalten, dass Hausarbeit im Schnittpunkt von drei zentralen gesellschaftlichen Problemen der Gegenwart steht: 1) Hausarbeit ist primär Arbeit von Frauen und damit eng verknüpft mit der Frage nach den Möglichkeiten gesellschaftlicher Emanzipation von Frauen. Unabhängig davon, zu welchen Einschätzungen der Funktion von Hausarbeit wir gelangen, ist deutlich, dass die Hausarbeit konstitutiv für den weiblichen Lebenszusammenhang ist und dass ohne Veränderungen im Bereich der Hausarbeit auch keine Veränderungen für die gesellschaftliche Situation von Frauen in Aussicht stehen. Hausarbeit wird sich aber nicht gesellschaftlich auflösen lassen, da sie als vermittelnde Nahtstelle zwischen Privatem und Berufssystem strukturell zur Industriegesellschaft gehört (U. Beck 1986). 2) Ohne begleitende Veränderungen auch in den privaten Haushalten werden die gegenwärtigen ökologischen Probleme nicht gelöst werden können (A. Kaiser/B. Zeschmar-Lahl 1986). 3) Die Lösung des "Erwerbslosigkeitsproblems" ist konstitutiv verbunden mit einer Neuverteilung gesellschaftlicher Arbeit, die auch den Hausarbeitsbereich wesentlich mit einzubeziehen hat. Nicht ohne Grund taucht der Begriff der Hausarbeit in verschiedenen neueren beschäftigungspolitischen Konzepten - zumindest als Formel - des öfteren auf (vgl. Dokumentation Frankfurter Rundschau vom 11.7.89). In dieser Arbeit soll Hausarbeit unter der Perspektive der Frauengleichstellung im Zentrum der Überlegungen stehen, Bezüge auf ökologische oder beschäftigungspolitische Konsequenzen bleiben dabei jedoch nicht völlig ausgeblendet. Es soll die neuere Hausarbeitsdebatte daraufhin untersucht werden, welche Perspektiven sich im Interesse der gesellschaftlichen Gleichstellung von Frauen abzeichnen, um von daher differenzierte gesellschaftliche Kriterien für didaktische Entscheidungen zu gewinnen. Die Frage der veränderten geschlechtlichen Arbeitsteilung wird hier auf die Hausarbeit eingegrenzt. Fragen der Berufsarbeit werden weitgehend ausgeklammert. Im Mittelpunkt steht das Problem, welche Möglichkeiten es gibt, eine stärker gleichgewichtige Verteilung der Hausarbeit zwischen Männern und Frauen zu fördern. Die bisherigen Strategien, wie z.B. allgemeine moralische Appelle an das männliche Geschlecht und private Forderungen von Frauen, haben sich als wenig effizient erwiesen, denn der Anteil, den Männer an der Hausarbeit übernehmen, ist weiterhin, trotz geringfügiger Veränderungen, noch außerordentlich gering (vgl. I. Kettschau 1981). Der Frauenanteil - auch der Mütter kleinerer Kinder - im Bereich der Berufsarbeit steigt dagegen (Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit 1984a, 32). Die Folge ist eine zunehmende "Doppelbelastung" der Frauen. Hinzu kommt, dass sich die Hausarbeitsaufgaben differenzieren und Frauen unter hohen, auch psychischen Anforderungsdruck stellen. Die Hausarbeit selbst wiederum wird insgesamt trotz aller Technisierungs- und Rationalisierungsversuche nicht weniger umfangreich, sondern steigt nach einigen Untersuchungen sogar in quantitativer Hinsicht. Die Belastung durch Hausarbeit wird durch ihre spezifischen Zeitstrukturen, insbesondere den permanenten "Bereitschaftsdienst", noch verstärkt. Alle diese Gründe sprechen für eine gerechte Teilung der Hausarbeit zwischen den Geschlechtern, um die einseitigen Belastungen von Frauen abzubauen. Gleichzeitig hat Hausarbeit aber nicht nur belastende Seiten, sondern gibt auch die Chance, wichtige menschliche Fähigkeiten intensiv herauszubilden. Die bisherige hausarbeitsnahe Sozialisation von Mädchen und Frauen hat vielfältige Qualifikationen hervorgebracht, z.B. situative Problemlösefähigkeit oder Empathie, die aber in ihrer Vereinseitigung durchaus auch ambivalent sind (vgl. R. Norwood 1986). Die durch die Hausarbeit zu erwerbenden Fähigkeiten stellen für viele Jungen und Männer bisher nicht wahrgenommene Entwicklungsmöglichkeiten dar. Es läßt sich auch von ihrer persönlichen Entwicklung her begründen, dass sie in der Bereitschaft und Fähigkeit zur Teilnahme an der Hausarbeit gefördert werden, um sich auch in diesem Bereich entfalten zu können. Die zentrale didaktische Begründung für die Entwicklung von Hausarbeitskompetenzen bei beiden Geschlechtern läßt sich aus einem erweiterten Verständnis der pädagogischen Norm "Autonomie" im Rahmen eines Verschiedenheitskonzeptes (vgl. 3.2.2; A. Prengel 1985a; 1987b) entwickeln. Bisher war die Kategorie "Autonomie" im männlichen Verständniskontext zu sehr auf kognitive Fähigkeiten, beruflich-öffentliche Durchsetzungsfähigkeit und individualistisches Denken reduziert (vgl. B. Schaeffer-Hegel 1987). Sie soll hier um die Dimensionen konkreter sozialer Verantwortung und die Fähigkeit, das eigene Leben auch im Haushalt zu bewältigen und nicht mehr abhängig von der Hausarbeit des anderen Geschlechts zu bleiben, erweitert werden. Umgekehrt läßt sich an der Berufswelt mit ihren primär auf Effizienz, technische Rationalität und Funktionalität ausgerichteten Strukturen zeigen, dass Dimensionen wie humane Verantwortung, Sorge um die ökologischen und sozialen Folgen des Tuns fehlen oder nur unzureichend zur Geltung kommen, während sie im Hausarbeitsbereich als Kompetenzen einseitig und gegenständlich eingegrenzt herausgebildet werden. Sowohl subjektiv als auch gesellschaftlich gesehen ist also eine Bereicherung der Geschlechter um bisher vernachlässigte Seiten der Persönlichkeit und Entwicklungsmöglichkeiten außerordentlich wichtig. Um diese hohen Entwicklungsziele zu erreichen oder zumindest anzunähern, bedarf es gezielter pädagogischer Neuorientierungen. In dieser Arbeit wird aus bildungstheoretischer Perspektive (s.o.) die These vertreten, dass Hausarbeit durch ihren widersprüchlichen, sozial-emotional gebundenen, situativen Charakter ein hohes Anforderungs- und Qualifikationsniveau erforderlich macht, das durch Hausarbeitshandeln im schulischen Kontext auch dem männlichen Geschlecht angeboten werden soll. Für das weibliche Geschlecht wird der Weg geebnet, Fähigkeiten der Durchsetzung und Auseinandersetzung zu erwerben, wenn die einseitige Zuweisung zur Hausarbeit qua Geschlechtszugehörigkeit relativiert wird. Das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit ist es, nach pädagogischen Möglichkeiten zu suchen, die geeignet sind, die Begrenzung gesellschaftlicher Entfaltungsmöglichkeiten für Frauen, die durch die geschlechtliche Arbeitsteilung und das Verwiesensein von Frauen auf Hausarbeit und hausarbeitsnahe Sozialisation mit bedingt ist, abzubauen. Insofern ist es eine klassische Fragestellung pädagogischer Frauenforschung. Da die Probleme sich über die geschlechtliche Arbeitsteilung herstellen, ist eine Veränderung der Verhältnisse mit ausschließlichem Blick auf Frauen und Mädchen jedoch nicht möglich. Ich richte deshalb mein Interesse auch darauf, welche pädagogischen Wege möglich sind, die klassischen Muster männlicher Sozialisation rechtzeitig aufzubrechen, um die gesellschaftliche Stellung von Frauen aus ihrer hierarchischen Unterordnung herauszulösen. Das Verhältnis von Didaktik und Hausarbeit kann hier jedoch nicht umfassend geklärt werden. Deshalb werden, um die spezifischen Fragestellungen veränderter Arbeitsteilung und hausarbeitsnahen schulischen Lernens bei Jungen im Grundschulalter intensiver bearbeiten zu können, einige wichtige Fragestellungen und Probleme ausgeklammert: - Die hier zu entwickelnden theoretischen didaktischen Ansätze werden primär stufendidaktisch bearbeitet, eine breitere systematische Einordnung in die gegenwärtige Allgemeinbildungsdiskussion (vgl. W. Klafki 1985; 1986; 21. Beiheft Zeitschrift für Pädagogik 1987; O. Hansmann/W. Marotzki 1988) bleibt weitgehend ausgeblendet, die theoretische Einordnung erfolgt vielmehr vorwiegend im Kontext neuerer sozialwissenschaftlicher und pädagogischer Frauenforschung.

 Der zentrale Gedankengang dieses Abschnittes läßt sich wie folgt skizzieren: Hausarbeit hat im Rahmen dieser didaktischen Analyse zwei Seiten:

  1.  Es geht zum einen um das Problem der Arbeitsteilung bei der Hausarbeit
  2. Hausarbeit ist zum anderen als Lerngegenstand mit geschlechtsspezifisch differenzierten Zielen zu unterscheiden, nämlich für Mädchen als Lernausgangssituation für weitergehende Lernprozesse, für Jungen mit der primären Zielsetzung, hausarbeitsnahe Qualifikationen zu erwerben.

 Ich sehe eine Veränderung der männlicher Sozialisation durch ein neues Verständnis von Allgemeinbildung und entsprechende Konsequenzen der didaktischen Theorie und Praxis als pädagogische Voraussetzung für die angestrebten erweiterten Entfaltungsmöglichkeiten für Frauen und Mädchen an.