Vornamensforschung

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Vergleichende Studien wie PISA haben gezeigt, dass die soziale Herkunft ein wichtiger Faktor ist, ob Kinder gute Schulleistungen haben.
Eine neue als Masterarbeit durchgeführte Untersuchung der Arbeitsstelle für Kinderforschung an der Carl von Ossietzky Universität zeigt, dass die Ungleichheit der Bildungschancen schon mit dem Eintrag eines Vornamens für ein Kind ins Standesamtsregister beginnt.
Denn bestimmte Vornamen rufen bei Lehrpersonen Vorurteile hervor. In einer Online-Fragebogenerhebung, bei der mittlerweile fast 2000 Grundschullehrerinnen und -lehrer anonymisiert teilgenommen haben, haben die in die genaue Auswertung genommenen 500 Fragebögen ergeben, dass die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer mit Vornamen auch Vorannahmen zu Fähigkeiten und Verhalten der Kinder verbinden. Bestimmte Schülernamen werden von einem überwiegenden Anteil der Lehrpersonen eher negativ oder eher positiv wahrgenommen, sodass dies zu einseitigen Erwartungshaltungen führen kann. Bestimmte Vornamen zeigten hierbei besonders charakteristische Ergebnisse bezüglich der Einschätzungen durch die Lehrpersonen. Besonders der Name ‚Kevin’ stellt sich hierbei als stereotyper Vorname für einen ‚verhaltensauffälligen’ Schüler heraus. „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose!“ heißt es in einem Fragebogen.
In der Untersuchung konnte gezeigt werden, dass Lehrerinnen und Lehrer offensichtlich bestimmte Vorannahmen zu bestimmten Vornamen von Schülerinnen und Schülern haben. Bei bestimmten Vornamen wird eine bestimmte Erwartungshaltung bezüglich Verhaltensauffälligkeit, Leistungsstärke und Persönlichkeit des Kindes ausgelöst, die dazu beitragen kann, ihnen entweder positive oder negative Kompetenzen zuzuschreiben.
Diese Vornamen werden - wie andere Untersuchungen zeigen - eher in Unterschichtfamilien gewählt.
Nur ein sehr geringer Anteil der Lehrpersonen zeigt eine kritische Distanz zu Vorannahmen basierend auf Vornamen oder hält gänzlich davon Abstand. Der größte Teil der Lehrpersonen assoziiert Persönlichkeitsmerkmale zu Vornamen ohne darüber zu reflektieren oder davon Abstand zu halten.
Ein wichtiger Schritt ist es, Pädagoginnen und Pädagogen die Existenz von Vorurteilen und Vorannahmen zu Vornamen aufzuzeigen und die damit verbundenen möglichen Konsequenzen zu verdeutlichen, sowie eine vorurteilsbewusste Erziehung zu initiieren. Die Grundschullehrerinnen und –lehrer sollten hierbei auch für die Problematik der Vorurteilsbildung aufgrund von Vornamen sensibilisiert werden und mit den Grundsätzen einer vorurteilsbewussten Erziehung und Bildung vertraut werden.

Kontakt: Prof. Dr. Astrid Kaiser astrid.kaiser@uni-oldenburg.de


Presseecho:
Spiegel-online
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Die Welt
MDR-Mitteldeutscher Rundfunk
N24.de
Nordwestzeitung
Neue Osnabrücker Zeitung 6.8.2010
t-online news




online Artikel unter Impulse im Oberfränkischen Schulanzeiger














u.v.a.m.


Publikationen:
Kaiser, Astrid: Vornamen: Nomen est omen. In: Oberfränkischer Schulanzeiger. 2009, H. 12, S. 15-18
Web:
http://www.regierung.oberfranken.bayern.de/imperia/md/content/regofr/schulen/schulanzeiger/pdf/schulanzeiger_2009_12.pdf#pagemode=bookmarks

Kaiser, Astrid: Sind Vornamen Schall und Rauch? In: Nordelbische Wochenzeitung Nr. 47 vom 22. 11. 2009, S. 3

Kaiser, Astrid: Vornamen: Nomen est omen?
Vorerwartungen und Vorurteile in der Grundschule. In: Schulverwaltung. Zeitschrift für Schulleitung und Schulaufsicht. 21.Jg. Heft 2, 2010, S. 58-59



Literaturhinweise zum Artikel aus Schulverwaltung NRW:
Allport, G. (1979): The nature of prejudice. 25th anniversary Edition. Basic Books
Aronson, E./Wilson, T. D./Akert, R. M. (2004). Sozialpsychologie, 4. aktualisierte Ausgabe, Pearson Studium
Bernstein, Basil (1971): Familienerziehung Sozialschicht und Schulerfolg. Weinheim: Beltz
Good, T/Brophy, J. (2007): Looking in Classrooms. 10. Aufl. Allyn & Bacon
Heckhausen, H./Heckhausen, J. (2009): Motivation und Handeln. 3. Aufl. Berlin (Springer)
Merton, R. K. (1948). The self-fulfilling prophecy. The Antioch Review, 8, 193-210.
Öhlschläger, A. (Hrsg.) (2006): Mit Janusz Korczak die Kinderwelt verstehen. Freibur (Herder)
Rosenthal, R./Jacobsen, L. (1983): Pygmalion im Unterricht. Lehrererwartungen und Intelligenzentwicklung der Schüler. 3. Aufl. Weinheim (Beltz)
Schachinger, H. (2005): Das Selbst, die Selbsterkenntnis und das Gefühl für den eigenen Wert. Bern (Huber)
Schnepper, M. (2004): Robert K. Mertons Theorie der self-fulfilling prophecy. Frankfurt a. M. u. a. (Peter Lang)
Shin, K. S. (1980): Schichtenspezifische Faktoren der Vornamengebung – Empirische Untersuchung der 1961 und 1976 in Heidelberg vergebenen Vornamen. Frankfurt am Main (Verlag Peter D. Lang)
Snyder, M./Tanke E. D./Berscheid, E. (1977): Social perception and interpersonal behavior. On the self-fulfilling nature of social stereotypes. In: Journal of Personality and Social Psychology, 1977, 35 (9), S. 656-666.
Weiss, R. (1965): Über die Zuverlässigkeit von Ziffernbenotung bei Aufsätzen. Schule und Psychologie,9, 257-269
Weiss, R. (1966): Zensur und Zeugnis: Beiträge zu einer Kritik der Zuverlässigkeit und Zweckmäßigkeit der Ziffernbenotung. Pinsdorf (Haslinger), S:101
 Ziegenspeck, J. W. (1999): Handbuch Zensur und Zeugnis in der Schule. Klinkhardt
Zinnecker, J. (1975): Der heimliche Lehrplan. Weinheim (Beltz)



2. Namensstudie 2010: Vornamen und Noten

Fragestellung: gibt es einen Zusammenhang von Vornamen und Notengebung
Abschluss: Ende August 2010

Design: Replikation der Weiss-Studie über die Zuverlässigkeit der Ziffernbenotung
Nachdem eine Studie der Arbeitsstelle für Kinderforschung 2009 belegt hat, dass Grundschullehrerinnen und -lehrer bei bestimmten Vornamen negative Vorannahmen bezüglich Verhaltensauffälligkeit und Schulleistungen haben, bei anderen wieder positive wurde nun eine Studie zur Notengebung durchgeführt.
Diese Studie hat die Klassikerstudie von Weiss, wonach Aufsätze von Kindern unterschiedliche Noten erhielten, wenn die soziale Herkunft des Kindes positiv oder negativ beschrieben wurde, nun nur auf die Nennung verschiedener Vornamen bezogen. Dabei wurden Kinderantworten auf Problemfragen zur Benotung in einer 10er Punkteskala vorgegeben. In über 200 Onlinefragebögen haben Lehrerinnen und Lehrer die schriftlichen Aufgabenlösungen von Kindern bewertet. Der Fragebogen wurde 909 mal aufgerufen und 228mal bis zum Ende ausgefüllt.
Dabei waren dieselben Aufgaben mal mit negativen Vornamen, mal mit positiven Vornamen belegt.
Zunächst wurde deutlich, dass derartige Tests sehr wenig objektiv sind, es wurden bei denselben Aufgabe bei einer Punkteskala zwischen 1 und 10 ein Notenspektrum bis zu zwischen 1 und 9 Punkten vergeben. Dies zeigt, dass die Objektivität der Notengebung nach wie vor ein Problem ist, wenn es um offene Antwortmöglichkeiten geht. Das Problem der objektiven Punktevergabe ist also nicht in den unterschiedlichen Vornamen begründet, sondern in der unterschiedlichen Wahrnehmung derselben Leistung (unabhängig vom Namen) durch die Versuchspersonen. Aber diese Tendenz wird auch durch Namen noch zusätzlich modifiziert. So erzielt bei derselben Aufgabe der Name Maximilian mehr mittlere und beste Punktwerte hinsichtlich Rechtschreibung, während der Name Kevin bei derselben Aufgabe mehr negative und weniger positive bzw. mittlere Bewertungen erhält.
Die namensbezogenen Ergebnisse der Studie sind vielschichtig. So wird insgesamt tatsächlich schon nach der Namensnennung von Namen aus dem negativ bewerteten Namenspool eine schlechtere Bewertung vergeben, dies gilt insbesondere für die Kriterien wie Inhalt und Sauberkeit (bei Zeichnungen), aber auch für Jungen bei der Rechtschreibung. Allerdings ist diese Tendenz nur sehr schwach und nicht so deutlich ausgeprägt wie die Vorannahmen bei den verschiedenen Vornamen.

Untersucht wurden die folgenden Vornamenpaare bei denselben Aufgaben:

Rechtschreibung          Inhalt                          Sauberkeit
Maximilian/Kevin   Jakob/Justin           Lukas/Cedric
Alexander/Maurice  Nick/Leon             Simon/Marvin
Katharina/Mandy    Sophie/Celina        Marie/Jaqueline
Charlotte/Chantal    Hannah/Vanessa    Emma/Angelina

Bei dieser Untersuchung wird deutlich, dass die Hypothese, dass negativ besetzte Vornamen auch schlechtere Noten bekommt, für die männlichen Namen durchweg bestätigt werden kann. Der jeweils erste Name bei den Paaren erhielt stets die bessere Note. Aber dieser Zusammenhang ist nur sehr schwach, nur eine geringfügige Differenz der Noten von Maximilian und Kevin, von Jakob und Justin oder von Lukas und Cedric war erkennbar.

Allerdings gibt es eine deutliche Geschlechterdifferenz, bei den weiblichen Vornamen gab es insbesondere beim Kriterium Rechtschreibung sogar Vorteile bei der Vergabe von Noten, wenn es sich um negativ ettikettierte Vornamen handelt.
Diese Diskrepanzen lassen sich auf der Basis der Vorurteilsstärke erklären. Weibliche Vornamen waren schon in der ersten Namensstudie nicht so stark negativ bewertet wie männliche.
Offensichtlich haben stärkere Vorbehalte auch Auswirkungen auf die Benotung, schwächere weniger, am wenigsten bei der Rechtschreibung.
Dies zeigt aber, dass die generellen Leistungsprobleme von Jungen in der Schule auch mit Wahrnehmungsproblemen zusammen hängen.
Insgesamt zeigt die Studie, dass eine Leistungsbewertung nach Ziffern, Notenstufen oder Punkten wenig zuverlässig ist. Es wäre sinnvoll nach neuen Formen der Leistungsbewertung zu suchen, bei denen den Schülerinnen und Schülern Rückmeldung nach Inhalt in Form von Portfolios, Zertifikaten oder schriftlichen Kommentaren gegeben wird.